Auszug aus einem Brief von Jerry Pöter vom 28. März 2012 an einen Freund der Solidaritätsarbeit

. Hier passieren zurzeit ganz eigenartige Sachen, die (noch) schwer zu begreifen sind. Der Militärbischof und der Nuntius, Botschafter des Papstes in El Salvador, verkündeten, dass die Chefs der Mara (Jugendbanden) das gegenseitige Morden eingestellt haben. Die tägliche Mordquote ging daraufhin von ca. 14 auf weniger als 5 zurück. Die militärische Disziplin unter den maras scheint gut zu funktionieren. Seit dies geschieht, ist der Präsident des Landes weder zu hören noch zu sehen. Auch der Erzbischof ist sozusagen untergetaucht, äußert sich nicht zum Geschehen.

Außer der erfreulichen Reduktion der Zahlen der Morde, wird sich nun bei vielen Leuten die Idee festsetzen, dass die einzigen, die das Problem der Maramorde in den Griff bekommen können, die Militärs sind. In den Friedensverträgen zwischen Regierung und Guerrilla steht, dass Militärs nicht an Regierungsaufgaben beteiligt werden dürfen. Vor kurzem ist der Minister für öffentliche Sicherheit (Mitglied der Frente Farabundo Marti) zurückgetreten. Ein General übernahm seine Stelle (Vorwand: der General war in Rente!) und ernannte einen weiteren General zum Polizeichef. Auch diese Funktion war in Händen der Frente. Rundherum wächst die Militärmacht. Die Regierung in Honduras, die durch einen Putsch zustande gekommen ist, die dann später durch Wahlen bestätigt wurde, hat eine starke Militärpräsenz. Die Wahlen in Guatemala gewann vor kurzem ein Militär. In Mexico sind die Macht der Militärs und zugleich der Drogenmafia enorm gewachsen. Auch die Zahl der Morde. Costa Rica, ein Land, das stolz darauf war und ist, kein Heer zu besitzen, beherbergt jetzt US-Truppen. An den Grenzen von Venezuela wachsen die militärischen Stützpunkte der USA... Der zivile Sicherheitsminister berichtete, dass zwischen 10 und 30% der Morde in El Salvador auf das Konto der Maras gingen. Der General, der an seine Stelle getreten ist, kommt bei seinen Untersuchungen auf 90%. Das ist ein Hinweis darauf, wo wir die Mörder suchen sollten. Ganz oben also nicht! Aber wer kann das Morden stoppen? Offensichtlich ist die Antwort: Die ganz oben können es. Die Militärs und die Drogen- und Waffenhändler hatten wahrscheinlich schon seit langem sehr gute Beziehungen zu der Marahierarchie. Das Maraproblem hat mit dem Drogen- und Waffenhandel zu tun. Bei der Messe im Gefängnis waren die Marachefs aufgestellt wie Konzelebranten.

Wir werden in unserem kleinen Aktionsbereich, militaristischen Haltungen keinen Raum geben und das eigene, kritische Denken ermutigen, Verantwortung statt blindem Gehorsam einüben. Es ist aber zu erwarten, dass das Prestige der Militärs in der Gesellschaft wachsen wird.

Wir hatten zu Schulbeginn in diesem Jahr weniger Schülerinnen und Schüler. Einer der Gründe war die (vermutete) Unsicherheit auf den Schulwegen. Die Mütter wollen die Kinder im Auge haben. Sonst sorgen sie sich zu sehr. Dann kamen wir auf die Idee, zwei Schulklassen für die Kinder auf der anderen Seite der panamerikanischen Straße anzubieten. Die Eltern und die Kinder waren begeistert, die Kinder, weil ihnen unsere Art und Weise Schule zu organisieren gut gefällt, die Eltern, weil sie nun nicht mehr um die Sicherheit ihrer Kinder zittern müssen. Die Regierung ist dabei, eine Schulreform durchzuführen. Einige Lehrerinnen, die den Plan kennen, meinen, dass darin viele Elemente unserer Erziehungsarbeit enthalten sind. Aber viele Eltern und Lehrer wollen keine Reform. Nur in sehr wenigen Schulen wird sie durchgeführt.